Rezensionen


Judith W. Taschler dreht in ihren vier Erzählungen heftig am Story-Rad, in immer schnelleren Episoden rasen dabei die Geschichte einem durchgeknallten Ende zu. Mit sagenhafter Logik werden grenzgeniale Abenteuer, Familien-Kompositionen oder Alltagsbewältigungen erzählt. Was einer Tageszeitung auf mehrere Kontinente als Schicksal aufgehäuft ist, erleben hier die einzelnen Personen am laufenden Band. In jeder Erzählung stecken die Handlungen eines ganzen Buchregals. Diese über-dichte Dramaturgie erweckt den Eindruck eines Comics, der sich Bild für Bild an die Realität anschmiegt. – Genial.
Apanies Perlen

Helmuth Schönauer


Ein Erzählband der bekannten österreichischen Autorin Judith W. Taschler. Vier Geschichten, die kürzeste dreißig, die längste siebzig Seiten lang. Jede anders, aber jede spannend bis zum Ende, dramatisch, komisch, leidenschaftlich, merkwürdig.
Apanie ist der Name eines Aborigine-Mädchens, das in Neuseeland unter Lebensgefahr nach wertvollen, seltenen Perlen taucht. Hundert von ihnen werden schließlich zu einer wunderschönen Kette geknüpft. Magie und Fluch liegen auf dieser Kette, und wie sich das auf ihre Trägerinnen auswirkt, das wird wunderbar sparsam und üppig zugleich erzählt. Die Geschichten haben mich staunend zurückgelassen und leider auch ein bisschen unglücklich. Wie im richtigen Leben. Man wird sehr geschickt gelockt, angeflirtet, hockt schon auf der Bettkante, um dann doch sacht und sanft heruntergeschubst zu werden. Man bleibt allein mit den Geschichten. Allein auch mit seiner Fantasie, wie es hätte weitergehen können. Dennoch ideal für den kleinen Buchhunger zwischendurch.
Apanies Perlen

Christine Westermann, WDR


Liebe, Verrat und Tod. Es sind die großen Themen des Lebens, die Judith Taschler sprachlich virtuos in ein kleines Kammerspiel packt. Und es sind die leisen Töne, die dieser als Zwiegespräch geführten Lebensbeichte eine dramatische Tiefe verleihen. Unaufdringlich eröffnet sich dem Leser ein Panoptikum vergebener Lebenschancen. Zwei Menschen, füreinander bestimmt, folgen ihren egozentrischen Lebensplänen und verpassen sich. Irritiert und ergriffen von der Tragik der Geschichte folgen wir der opportunistischen Handlungslogik der Protagonisten bis ans bittere Ende. Leben heißt scheitern, hat Amélie Nothomb einmal gesagt. So konsequent, spannend und literarisch subtil wie Judith Taschler das Thema umsetzt, wird auch Scheitern zum Hochgenuss!
Die Deutschlehrerin

Begründung der Jury – Friedrich Glauser Preis 2014


Menschen verlieren Hoffnung, die Beherrschung und manchmal auch sich selbst. Wenn Judith W. Taschler Geschichten erzählt, lesen sich Schicksale wie zu Papier gebrachte Wetterkapriolen. APANIES PERLEN: Ein Erzählband wie Frühling, Sommer, Herbst, Winter und alles gleichzeitig.
Apanies Perlen

Isabella Krainer, Provinnsbruck – digitales Stadtgeflüster


Das ist wirklich ganz großes Kino, was Judith Taschler sich da ausgedacht hat. Ein Mann und eine Frau. Und alles, was es zu einem Drama braucht: Liebe, Enttäuschung, Rache, Schuld, Verrat, ein Kind, eine überstürzte Heirat und ein Beinahe-Mord. Die Geschichte kommt gänzlich anders daher als ein herkömmlicher Krimi oder ein Thriller. Denn eigentlich ist es die Geschichte einer großen Liebe. Was immer an Ungeheurem, an Unerwartetem passiert, geschieht leise, wie beiläufig. Matilda und Xaver erzählen, was in den letzten 16 Jahren, in denen sie sich nicht gesehen haben, passiert ist. Es ist eine raffinierte Lebensbeichte voller Ängste und Abgründe. Die Frau erzählt aus ihrer, der Mann aus seiner Sicht. Nie kann man sicher sein, wer lügt und wann er oder sie die Wahrheit sagt. Man weiß nicht, was sich vielleicht Matilda nur ausgedacht und Xaver vielleicht wirklich getan hat. Am Ende ist alles klar, aber selbst auf der letzten Seite gelingt der Autorin noch ein fabelhafter Überraschungsmoment. Dieser Roman hat knapp zweihundert Seiten, ich habe das Buch gelesen wie in einem Rausch. Zweimal innerhalb weniger Wochen, weil es nach dem ersten Lesen noch auf meinem Nachttisch lag. Und obwohl ich ja jetzt wusste, was passiert, hat es mich noch einmal gefesselt und gepackt. Wie großes Kino eben.
Die Deutschlehrerin

Christine Westermann, WDR

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Nur nachts ist es hell

Ich hatte das Glück, behütet aufwachsen zu dürfen, mein Vater war ein wohlhabender Kaufmann und Händler.

Ich war das Nesthäkchen und das Lieblingskind meiner Mutter, die Zwillinge Carl und Eugen waren zwölf Jahre älter als ich und Gustav fünf Jahre, er stand mir in meiner Jugend am nächsten. Weil in meiner Familie Bildung etwas zählte, durfte ich eine Höhere Schule besuchen. Ich war heftig in meinen Geschichtelehrer verliebt. Als ich neunzehn war, fand ein folgenschweres Attentat in Sarajevo statt, daraufhin geriet unsere Welt aus den Fugen. S 9

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