ÜBER CARL REDEN WIR MORGEN (April 2022)

Dass lange Zeit im Westen vielfach Abenteurer ihr Glück gesucht hatten, während der Osten und Mittlere Westen schon länger hartnäckig von tüchtigen Familien bewirtschaftet wurde, war deutlich zu spüren.

Bei einem gemeinsamen Bier kommentierte der Bauleiter die furchtbare Situation mit den Worten: „Hier waren viel zu lange zu viele Glücksritter, zu viele Chinesen und zu wenige Deutsche.“

Kurz nach der Jahrhundertwende wandert der zwanzigjährige Eugen Brugger nach Amerika aus, er ist rastlos, lebt in Milwaukee, St. Louis, Cincinnati, Boston, dass er vor etwas flieht, weiß niemand. Zwei Jahre lang arbeitet er als Bauarbeiter in San Francisco, das von einem Erdbeben zerstört wurde und in kürzester Zeit neu aus dem Boden gestampft wird. Schließlich lässt er sich in den Wäldern von Massachusetts nieder, um dort mit einem Landsmann ein Holzunternehmen aufzubauen.
Währenddessen kämpft sein Zwillingsbruder Carl im großen Krieg täglich um sein Überleben.

„Wer weiß wie lange das Ganze dauern würde, wenn die Oberen vom Schreibtisch hervorkommen und ihn zu Ende führen müssten“, sagte er.
Ein Leutnant war schockiert, es wäre demoralisierend für die Leute so etwas laut zu sagen, schnauzte er Carl an, er solle das auf der Stelle unterlassen, es wäre ihre heilige Vaterlandspflicht die Grenze zu Italien zu verteidigen, koste es was es wolle.
„Sag so etwas nie wieder vor den anderen“, sagte in der Nacht sein Freund Leo zu ihm, „die zögern nicht lange und stellen dich vor ein Kriegsgericht.“

Erst fünfzehn Jahre später kehrt Eugen, nicht ganz freiwillig, in seine österreichische Heimat zurück. In einem Brief seiner Schwester hat er erfahren, dass Carl - wie auch sein Bruder Gustav - im Krieg gefallen sind. Da er der einzige verbleibende Sohn der Familie ist, sind dringend Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. Im Heimatdorf dauert es nicht lange, bis ihn seine Vergangenheit einholt.

Doch die Geschichte der Familie Brugger beginnt zwei Generationen vorher. Im Jahr 1828 verlässt die nicht einmal 18jährige Rosa heimlich ihre Familie und geht nach Wien, wo sie als Dienstmädchen bei einer adligen Familie arbeitet. Ein Leben wie das ihrer Mutter möchte sie nicht führen. Zwei Jahrzehnte später, im Revolutionsjahr, kehrt sie zu ihrem verwitweten Bruder Anton zurück, um seine Kinder großzuziehen. Was ihr bei ihrer Herrschaft zugestoßen ist, verschweigt sie ihrem Bruder ...

Judith W. Taschler erweist sich in dieser Familiensaga, in der unaufdringlich und umso eindrücklicher auch Weltgeschichte verhandelt wird, erneut als meisterhafte Erzählerin, deren Sound mit jedem ihrer Bücher besser, komplexer und intensiver wird. Die Autorin weiß, wie Leben geht und in welch unmenschlichem Takt es dereinst oft ging – und sie hat es in Literatur verwandelt. Dass österreichisch-ungarische Geschichte des untergegangenen Habsburgerreiches jenseits von Sisi-Romantik lebendig wird, ist ein nicht zu unterschätzender Mehrwert dieses Romans, der dringend Schullektüre werden sollte, nicht nur im Mühlviertel.

Sächsische Zeitung, Bettina Ruczynski

Was bleibt von unseren Träumen? Was zählt der Einzelne im Weltengefüge? Und was ist überhaupt Glück? Was Liebe? Carl scheint am Ende zumindest Ansätze davon gefunden zu haben. Der Mensch im Mühlrad der Geschichte: Judith W. Taschler hält die Fäden zwischen den Lebenslinien und Jahrhunderten gekonnt zusammen.

Buchkultur, Das internationale Buchmagazin, Dagmar Kaindl

Mit „Über Carl reden wir morgen" überzeugt Judith W. Taschler sprachlich und erzählerisch restlos.

‚Im Haus seines Nachbarn schlüpfte für Albert Theodor Brugger zum ersten Mal ein Mädchen aus den Kleidern.' Ein erster Satz, mit dem Judith W. Taschler ihren Roman ‚Über Carl reden wir morgen' beginnt und der seine Wirkung erst nach zwei, drei Mal Nachlesen entfacht. Er beschreibt ein unschuldiges erstes körperliches Herantasten an das Leben der Erwachsenen, das in dieser Zeit hart, karg, frustrierend und schicksalsreich gewesen ist. Dieser erste Satz ist der Beginn einer sprachlich, erzählerisch und inhaltlich brillanten Erzählung, von Mühlviertler Alltagsgeschichten, die zur großen Familiensaga gereichen. Judith W. Taschlers neuer Roman reicht an den großen Erfolg der ‚Deutschlehrerin' heran. Die Erzählweise ist flüssig, die Handlung nachvollziehbar, in keiner Phase wird der Roman ein banaler Tränendrüsendrücker. Möge die Fortsetzung bald erscheinen.
Über Carl reden wir morgen

Oberösterreichische Nachrichten, Helmut Atteneder

Judith W. Taschler hat mit ‚Über Carl reden wir morgen' einen großartigen Familienroman geschrieben, in dem vor allem die männlichen Figuren beeindrucken. Auch wenn man die Formulierung nicht mehr hören kann, bei der Lektüre von Judith W. Taschlers gelungenem Familienroman drängt sie sich immer wieder auf: „Über Carl reden wir morgen" ist großes Kino. Angelehnt an die Geschichte der eigenen Familie, zeichnet Taschler über drei Generationen das Schicksal der Bruggers aus dem Mühlviertel nach - mit allem, was die Zeit zwischen 1828 und 1922 zu bieten hat: soziale Gegensätze, große Leidenschaften, erbarmungslose Familienfehden, ein bitterer Krieg, Stadt, Land, Aufbruch und Ausbruch. ... Judith W. Taschlers Lust am Erzählen gepaart mit profunder Recherche machen den Roman zu einem Schmöker im allerbesten Sinn.
Über Carl reden wir morgen

Die Presse, Doris Kraus

Judith W. Taschler hinterfragt Familie, Identität und Schicksal, ohne vereinfachende Erklärungen zu geben. Durch leichtes zeitliches Verschieben beim Übergang der Geschichte zum nächsten Protagonisten ergibt sich ein neuer Ton, eine andere Perspektive.
Über Carl reden wir morgen

Falter, Thomas Leitner

Die Österreicherin Judith W. Taschler hat sich in den vergangenen Jahren einen glänzenden Ruf als Erzählerin erarbeitet. Ihr neuer Roman ‚Über Carl reden wir morgen' ist noch ein Stück ambitionierter als der Vorgänger ‚Das Geburtstagsfest' vor drei Jahren. ... Würde oder wollte man den Roman auf ein ganz entscheidendes Motiv reduzieren, dann wäre es das der „Täuschungen". Fortwährend täuschen in diesem Roman die Figuren andere: um zu überleben, aus gekränkter Eitelkeit, aus Trotz, oder um ganz egoistisch ihre Ziele zu erreichen. Judith W. Taschler setzt sich mit den Gegensätzen zwischen Stadt und Land auseinander, sie beschreibt eine Welt im Wandel, eine Welt, die untergegangen ist. „Die Welt ist verrückt geworden", sagt Carl zu Eugen kurz nach Ende des 1. Weltkrieges. ... Wie in anderen ihrer Romane nutzt sie auch in diesem Werk den Perspektivwechsel, so erfährt der Leser zuweilen erst viel später, warum dies oder das geschah. Die versierte Autorin weiß, wie Romane raffiniert zu komponieren sind. Der Grund für Eugen, nach Amerika auszuwandern, gehört zu den überraschendsten (und überragenden) Sequenzen dieser wuchtigen und verzweigten Geschichte. Eugen, in dem Moment gekränkt, begeht einen schrecklichen Fehler, da erinnert der Roman an Ian Mc Ewans Meisterwerk „Abbitte", in dem eine falsche Aussage ebenfalls fatale Folgen hat. Im „Geburtstagsfest" schickte Judith W. Taschler ihre Figuren in den Dschungel Kambodschas, und erzählte von den Gräueltaten der Roten Khmer. Sie hat auch hier ihren Stoff, die fürchterlichen Erlebnisse der jungen Männer während des Ersten Weltkrieges, im Griff. Judith W. Taschler ist eine große Erzählerin.
Über Carl reden wir morgen

Die Rheinpfalz, Udo Schöpfer

Dramaturgisch geschickt lässt die Autorin so manches Kapitel im Ungewissen enden, um den Erzählfaden in einem anderen Teil des vielschichtigen Familiensystems weiterzuspinnen, sodass sich viele Lücken der Zeitensprünge letztlich einsichtig schließen. Denn auch das Austricksen des Absehbaren gehört zu Taschlers erzählerischem Können. Manche literarischen Wendungen sind so unerwartet wie die schicksalshaften Wendungen des Lebens, so wie auch die beschriebenen Charaktere Brüche aufweisen, die man ihnen in vielen Fällen nicht zutraut.
Über Carl reden wir morgen

Wiener Zeitung, Irene Prugger

Komponiert ist der Roman wie die großen Fernsehserien früherer Jahre (Ringstraßenpalais etc.) , nur dass hier die einfachen Leute im Mittelpunkt stehen. ... Aber es ist überhaupt kein depressiver Roman, vielmehr möchte man nicht aufhören zu lesen und eigentlich auch gerne wissen, wie das Leben nach dem fiktiven Schluss weiterging.
Über Carl reden wir morgen

Film, Sound & Media

Judith W. Taschler, die bereits einige erfolgreiche Romane vorgelegt hat, weiß, wie sie die Leser bei der Stange hält. ... Taschlers gut geölte Erzählmaschinerie verliert sich an keiner Stelle in historischen Details, sondern vermittelt glaubwürdige und lebenssatte Schicksale. ... ‚Über Carl reden wir morgen' ist mit allen Wassern der modernen Seh- und Lesegewohnheiten gewaschen.
Über Carl reden wir morgen

Literaturhaus Wien, Judith Leister

In ihrem großen Generationenroman erzählt Judith W. Taschler von Familienfehden und starken Frauen, von der Liebe und der Kunst des Vergebens in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs. ... Nach ihrem preisgekrönten Bestseller ‚Die Deutschlehrerin' und dem jüngsten Roman ‚Das Geburtstagsfest' ist Judith W. Taschler erneut eine mitreißende Familiengeschichte gelungen, die man nicht aus der Hand legen mag.
Über Carl reden wir morgen

Buchjournal, Susanne Dietrich

Mit überraschenden Wendungen, Intrigen und Geheimnissen fordert die Judith W. Taschler die volle Aufmerksamkeit ihres Publikums. Die fesselnde Handlung und das farbige Zeitporträt von 1828 bis 1922 machen es aber leicht, diesem Drei-Generationen-Roman zu folgen. Ganz nebenbei frischt die Deutsch- und Geschichtelehrerin mit diesem detailreichen Familienporträt das Geschichtswissen ihrer Leser und Leserinnen auf.
Über Carl reden wir morgen

Kleine Zeitung

Judith W. Taschler erzählt so geschickt, dass beide Lesetypen befriedigt werden. Die einen, die eine Mühlviertelsaga mit klappernder Mühle haben wollen, und die anderen, die hinter jeder Ecke einen Stifter oder Kafka sehen.
Über Carl reden wir morgen

schoepfblog, Helmut Schönauer

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Über Carl reden wir morgen

Danach nahm Annas Leben eine komplette Wendung, es sollte völlig anders verlaufen, als von ihr - und ihren Eltern - gedacht und erträumt.

Im Laufe der darauffolgenden Wochen, Monate und Jahre fragte sie sich oft, wie hoch die Wahrscheinlichkeit gewesen war, dass ausgerechnet in der Stunde, in der sie sich zum ersten Mal der bewunderten Frau derart freizügig hingab - es hatte in den vorangegangenen Wochen nur Küsse und scheue Berührungen gegeben -, ihre Schwester niederkam und ihr Vater mit der Hand abrutschte und in die Säge geriet. Oder eigentlich: wie erschreckend gering. Fehlte ein einziger Faden im Gewebe, aus dem ein menschliches Schicksal bestand, löste sich alles auf.

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