Autorin Judith W. Taschler

Judith Taschler - David

Roman, Droemer, ET/VÖ: 2. Oktober 2017

Wendepunkte im Leben
Glauser-Preisträgerin Judith Taschler über Familienbeziehungen, Identität, Adoption und eingeritzte Initialen im Davidsahorn
(Pressetext)

Die in Innsbruck lebende Autorin Judith Taschler schreibt Romane für ein breites Publikum. Auf der Basis berührender, eindringlicher Geschichten mit Identifikationspotential fesselt sie literarisch und belletristisch orientierte Leser gleichermaßen. Das brachte ihr für den Roman „Die Deutschlehrerin“ im Jahr 2014 den Friedrich-Glauser-Preis ein sowie den Einstieg in die Spiegel Bestsellerliste. Mit den Nachfolgern „Roman ohne U“ und „bleiben“ begeisterte sie einmal mehr Publikum und Kritiker.

David
In ihrem neuen Roman verbindet Judith W. Taschler ihren literarischen Anspruch mit einer klaren, unverwechselbaren Sprache, und kreiert auf diese Weise ein ganz persönliches,  unverwechselbares Werk. Die Autorin erzählt anspruchsvoll, raffiniert und psychologisch dicht über Familienbeziehungen, Identität, Adoption und legt mir diesem decouvrierenden Text große Lebenswendepunkte eng verknüpfter Biografien frei.

Inhalt – Klappentext
Jan genießt sein Leben in vollen Zügen, hat aber Angst vor der Liebe. Mit achtzehn verliert er seine Mutter bei einem tragischen Auto-Unfall, ein halbes Jahr später erhält er einen verstörenden Brief, durch den sein bisheriges Leben - seine Herkunft und Identität - auf den Kopf gestellt wird. In seinem ersten Lebensjahr soll sein Name David gewesen sein.

Er wurde nach einem Mann benannt, der vor vielen Jahren aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte und seiner Frau einen Baum, einen Davidsahorn, als Geschenk mitbrachte, bevor er starb. Dieser Baum war es, gegen den das Auto seiner Mutter schlitterte. In ihm sind die Initialen "R", "E" und "V" eingeritzt.
Was Jan schlussendlich über seine Herkunft und Familiengeschichte erfährt, erzählt die Autorin mit der ihr eigenen unaufgeregten Empathie.

Die Fakten
Roman
240 Seiten · Hardcover mit Schutzumschlag · WG 1112; Originalausgabe
ISBN 978-3-426-28133-8· € [D] 20.- · € [A] 20,60 · ET/VÖ 02.10.2017
Auch als eBook erhältlich, 978-3-426-43526-7, € 17,99.-
https://www.droemer-knaur.de/buch/9376590/david
http://www.droemer.de

Biografie
Judith W. Taschler, 1970 in Linz geboren, ist mit sechs Geschwistern, vielen Tieren und einer Menge Büchern in einem großen, gelben Haus mit dem Namen Neumühle in Putzleinsdorf, Mühlviertel (OÖ), aufgewachsen. Besuch der HBLA Auhof in Linz. Auslandsaufenthalt in den USA. Verschiedene Jobs als Sekretärin, Horterzieherin und Autoverkäuferin. Studium der Germanistik und Geschichte in Innsbruck. Unterrichtete einige Jahre als Deutschlehrerin. 

Lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Innsbruck und ist seit 2012 freischaffende Autorin.

Nominierungen, Preise, Auszeichnungen
2011: Prämie für ein besonders gelungenes Debüt vom bmukk
2011: Nominiert für den Franz Tumler Preis mit SOMMER WIE WINTER
2012: Das Kulturamt Innsbruck wählte Judith Taschlers Debütroman „Sommer wie Winter“ aus, das Buch des Projektes „Innsbruck liest“ 2012 zu sein. Eine fünfte Sonderauflage mit 10.000 Stück wurde aufgelegt.
2012: Teilnahme am Europäischen Festival des Debütromans (ausgewählt für Österreich)
2014: Friedrich Glauser-Preis in der Sparte „Roman“ für „Die Deutschlehrerin“ 

Bisherige Publikationen

Judith Taschler im Web
http://www.jwtaschler.at
https://www.facebook.com/judith.taschlerwoegerbauer

 

Interview mit Judith Taschler

Worum geht es in Ihrem neuen Roman „David“?

Judith Taschler: Für mich ist „David“ eine Familiengeschichte über vier Generationen hinweg. Die Themen Familiengefüge, Konstellationen und Verstrickungen, Wurzeln und die Frage, ob diese uns prägen oder auch nicht, beziehungsweise bis zu welchem Grad, spielen eine große Rolle im Roman. Eine Generation handelt in einer bestimmten Weise (oder es stößt ihr etwas zu, sie muss darauf reagieren und wie tut sie es?) und diese Handlungen haben immer Auswirkungen auf die nächste Generation. Wie geht diese dann mit den 'Vorbelastungen' um? Kann man sich davon befreien oder ist das in manchen Situationen einfach unmöglich? Ist der freie Wille des Einzelnen stärker? Warum schaffen es manche – trotz großer 'Vorbelastungen' - ein (halbwegs) glückliches Leben zu führen, andere wiederum nicht? Das ist es, was mich als Autorin an meinen Figuren am meisten interessiert, generell an den Menschen.

Es geht um die attraktive Clara Millet, über die im kleinen Ort eine Menge Gerüchte kursieren, weil sie selbstbewusst ist und ihrem Schicksal  - als Kriegswitwe - ein Schnippchen schlägt. Um ihren Sohn Richard, der in den Sechziger Jahren einem Amerikaner dessen knallroten Cadillac Fleetwood abkauft und damit ein kleines Taxiunternehmen gründet. Sein Traum ist es reich zu werden. Er verliebt sich in eine wohlhabende Schauspielerin und verlässt dafür seine Jugendliebe. Um Richards Tochter Magdalena, die nach einem traumatisierenden Unfall im Heim aufwachsen muss, die ihr Potential nicht entwickeln kann und deren Leben schwierig und enttäuschend verläuft.

Schließlich und vordergründig geht es aber um den Schulabbrecher Jan. Er ist gutaussehend, sportlich und zynisch, arbeitet als Skilehrer, genießt sein Leben in vollen Zügen, hat jedoch Angst vor der Liebe. Er wächst als Adoptivkind auf und macht in seiner Kindheit und Jugend – seine Adoption betreffend – abstruse und verletzende Erfahrungen. Mit dreiundzwanzig lernt Jan unter eigenartigen Umständen seine leibliche Mutter kennen, obwohl er das zunächst gar nicht will und sich dagegen wehrt.   

Wie ist „David“ entstanden?

JT: Am Laptop und unter ziemlich starken Rückenschmerzen. Spaß beiseite: Den Stoff trug ich schon drei Jahre lang mit mir herum, bevor ich ihn endlich zu Papier brachte. Es ist also sozusagen eine Herzblutgeschichte. Niedergeschrieben habe ich sie innerhalb von drei Monaten. Es waren sehr anstrengende Wintermonate, der Roman entstand von Mitte November 2016 bis Mitte Februar 2017, ich saß bis zu zwölf Stunden täglich am Schreibtisch, freie Tage gab es nur über Weihnachten. Ich schreibe lieber im Winter als im Sommer, weil ich ohnehin nicht gerne Schifahre, aber im Sommer gerne in der Sonne liege.

Haben Sie eine persönliche Betroffenheit hinsichtlich der Themen und Inhalte von „David“?

JT:  Ich kam mit acht Monaten zu einer Pflegefamilie ins Mühlviertel, die mich dann im dritten Lebensjahr adoptierte. Einige der irritierenden Erfahrungen, die Jan als Jugendlicher macht, sind mir deshalb nicht fremd. Damit meine ich gewisse Stimmungen, Reaktionen, die einem von Außenstehenden entgegengebracht werden, wenn sie von der Adoption erfahren. Das war teilweise ein wirklich eigenartiges Interesse, es ging mit neugierigen, bohrenden Fragen einher wie z. B. 'Haben dich deine Adoptiveltern gut behandelt?' oder 'Warum hat dich denn deine Mutter weggegeben?' (als könnte man das so einfach beantworten, als wäre das alles nicht differenzierter) oder 'Kennst du sie?' Von einigen kamen dann auch 'obergscheite' Ratschläge, wie ich mit der Adoption umzugehen hätte. Das alles war sehr, sehr lästig, vor allem weil es mir zu intim war, ich kannte die Leute ja nicht oder kaum. Da wurde einfach eine Grenze überschritten. Oft waren es neue Lehrer. Nie würde jemand ein nichtadoptiertes Kind fragen: 'Behandeln dich deine Eltern gut?' Dass es absolut nicht normal ist, als Baby weggegeben zu werden, schwingt da schon mit. Es hat mich genervt, vor allem je älter ich wurde. Mich hat meine Adoption weniger beschäftigt als meine Mitmenschen. In der Pubertät war das natürlich anders, da hat sie mich sehr wohl beschäftigt eine Zeitlang, weil ich unbedingt meine leiblichen Eltern kennenlernen wollte. Das durfte ich auch, ich lernte meinen Vater mit vierzehn, meine Mutter mit sechzehn kennen, danach hat mich das Ganze nicht mehr interessiert.

Der Roman ist aber absolut nicht autobiografisch! Bei der Figur Jan lief alles anders als bei mir. Ich wuchs mit vielen Geschwistern, Tieren und Büchern in einem großen Haus auf, Jan hatte eine 'langweilige Scheißkindheit', so sagt er das auch einmal zu seiner Adoptivmutter. Außerdem mag ich die Winterzeit nicht so besonders, ich kann auch nicht gut Schifahren. Ich wollte mich mit dem Buch ein bisschen mit dem langen Winter in Tirol versöhnen. 

Können Sie über Dinge, die Sie erlebt haben, besser erzählen, als wenn Sie diese nicht selbst erfahren hätten?

JT: Ja, das ist bis zu einem gewissen Punkt wirklich so. Ich würde es so formulieren: Es ist leichter über Dinge zu schreiben, die der eigenen Lebenswelt nahe sind. Im „Roman ohne U“ schreibe ich zum Beispiel über den Protagonisten Thomas, der jahrzehntelang Schreckliches in verschiedenen Gulaglagern in Sibirien durchmacht, und das bedeutete ein Jahr lang Einlesen in die Thematik und intensive Recherchearbeit. Wenn ich aber über Mutterschaft, Beziehung, ein bewegtes Alltagsleben mit vier Kindern schreibe (Roman ohne U), über eine Deutschlehrerin und einen Schriftsteller (Die Deutschlehrerin), über die Kindheit eines angenommenen Kindes im Dorf (Sommer wie Winter) oder über die Erfahrungen eines Adoptivkindes beim Heranwachsen (David), dann fällt mir das natürlich wesentlich leichter, weil es meinen eigenen Erfahrungen und meiner Lebenswelt „entspricht“. Was jetzt nicht bedeutet, dass ich den Inhalt meiner Bücher eins zu eins erlebt habe! Ich schreibe nicht autobiografisch, aber nehme sicherlich manchmal eigene Erfahrungen als Anreiz oder Impuls für eine Buchidee. Alles, worüber man als Schriftsteller/in schreibt, kann man nicht selbst erlebt haben. Da wären die Geschichten bald ausgeschrieben. Fantasie und Sich-Hineinversetzen-Können in eine Figur und in ein fremdes Leben gehören auch zum Talent einer Schriftstellerin.

Spielen Bestimmung und Zufall im Roman und in Ihrem Leben eine besondere Rolle?

JT: Nein, in meinem Leben eigentlich nicht. Eher die Themen: Warum entwickelt sich ein Mensch so und nicht anders? Warum ist ein Leben so wie es ist und nicht anders? Was – oder wer – spielt dabei eine Rolle? Und dass man diese Fragen nie restlos beantworten wird können, weil es eben Mysterien sind, aber doch spannende Mysterien, nicht wahr? Dieses Geheimnisvolle, Unergründbare finde ich faszinierend, allerdings könnte ich selbst keine fertigen Antworten darauf liefern, möchte das auch in meinen Romanen nicht tun. Viele Menschen glauben, dass Zufälle bei der Beantwortung dieser Fragen eine große Rolle spielen, vielleicht ist das auch so. Ein Zufall passiert und gibt dem Leben eine neue Wendung. Es gibt sicherlich Zufälle im Leben, die sozusagen Schicksal spielen.

Mich interessiert aber mehr die Frage, warum es manche Menschen schaffen den 'freien und starken Willen' Schicksal spielen zu lassen und andere daran scheitern.

Wie gehen Sie an die verschiedenen Erzählperspektiven und Blickwinkel der Romanfiguren heran?

JT: In „David“ erzählen drei Menschen aus verschiedenen Generationen jeweils aus ihrem Blickwinkel heraus ihre Geschichte: Viktor, Magdalena und Jan. Wobei Viktor, er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der alles dafür tut, um eine bestimmte Frau glücklich zu machen, gar nicht so sehr seine Geschichte erzählt, sondern die der Witwe Clara Millet und ihrem Sohn Richard, da diese bereits gestorben sind. Sein Leben ist mit den der beiden stark verbunden, und auch mit Magdalenas und Jans. Er greift in deren Leben äußerst manipulativ ein.

Ich finde das für mich als Schriftstellerin spannender, wenn ich die Gefühlswelt und Motivationen von mehreren Personen beschreiben und sozusagen 'ausleuchten' kann, es ist facettenreicher, jeder sieht die Dinge ja ganz anders, jeder empfindet anders. So entstehen ganz unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dasselbe Ereignis. Die Geschichte selbst wirkt dann nicht so eindimensional. 

Wie würden Sie selber Ihren Schreib- und Gestaltungsstil charakterisieren?

JT: Ich brauche immer ein grobes inhaltliches Konzept, bevor ich zu schreiben beginne. Feinheiten ergeben sich im Schreibprozess, manchmal entwickeln sich Details ein bisschen anders als ursprünglich geplant. Auch die Figuren müssen vorher gut entwickelt sein. Außerdem mag ich es, wenn ein bestimmtes Thema im Hintergrund „mitschwingt“, wie zum Beispiel bei der „Deutschlehrerin“  das Thema der verpassten Chancen und falschen Entscheidungen, die man gerne wieder rückgängig machen würde. Oder in „bleiben“ unter anderem die Frage „Wann ist ein Leben sinnvoll?“ Und in „David“ die Frage nach der Herkunft und wie sehr sie den Einzelnen prägt.

Haben Sie Vorbilder beim Schreiben?

JT: Das traue ich mir gar nicht zu sagen, aber mein absolutes Vorbild ist der tschechische Schriftsteller Milan Kundera. Ich liebe seine Themen und seine Sprache sowieso.

Wie gehen Sie mit Kritik um und was bedeutet Erfolg für Sie?

JT: Man muss lernen sich abzugrenzen. Wenn man schreibt, setzt man sich dadurch der Öffentlichkeit aus. Bei den ersten Büchern war das natürlich schwieriger, mittlerweile geht das schon gut. Ob und wie jemandem ein Roman gefällt, ist ja immer subjektiv. Erfolg ist mir wichtig, das gebe ich zu. 

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