Autorin Judith W. Taschler

DAS GEBURTSTAGSFEST (April 2019)

Er stellte sich vor, wie er ihr sein Messer in den Mund steckte und ihr die Mundwinkel bis zu den Ohren aufschlitzte; er stellte sich vor, wie er diesen schönen Mund mit einem langen Kuss zum Schweigen brachte.

Er wollte sich ihre Geschichte nicht anhören, sie interessierte ihn nicht im Geringsten. Er kannte sie, zwar nicht alle Details, doch immerhin so gut, um zu wissen, dass sie nicht ganz der Wahrheit entsprach, zumindest das Ende nicht, denn das hatte er hautnah miterlebt. Ihm war ihre leichte Abänderung der Ereignisse jedoch völlig gleichgültig, für ihn machten diese Nuancen keinen Unterschied, Grauen blieb Grauen, und es war schrecklich genug, was sie in den letzten Tagen des Jahres 1978 erlebt hatte, sie hätte es nicht noch durch diese Kleinigkeit dramatisieren müssen.

Das Leben des Architekten und Familienvaters Kim Mey verläuft ruhig und in geordneten Bahnen. An seinem fünfzigsten Geburtstag ändert sich das schlagartig. Seine Frau Ines überrascht ihn mit einem großen Fest, das er, introvertiert und eher scheu, gar nicht feiern wollte. Von den drei Kindern verlangte Ines einen Beitrag zum Fest, wobei sie an ein Theaterstück, einen selbst verfassten Song oder ein Gedicht dachte. Die Kinder jedoch ließen sich etwas völlig anderes einfallen: Sie luden die Amerikanerin Tevi Gardiner ein, jene Frau, mit der Kim als Kind aus dem zerstörten Kambodscha geflohen war. Gemeinsam hatten sie 1980 Asyl in Österreich erhalten.

Die Kinder erhoffen sich dadurch mehr von der Vergangenheit ihres Vaters zu erfahren, über die Kim nie sprechen wollte. Doch dieser reagiert seltsam abweisend auf den Überraschungsgast. Tevi erzählt seinen Kindern von ihrer Kindheit in Kambodscha zur Zeit des grausamen Pol Pot Regimes, berichtet von dem Tag, an dem ihre gesamte Familie von Soldaten der Roten Khmer getötet wurde. Kim erträgt es kaum. Im Laufe der Nacht entfacht ein heftiger Streit zwischen den beiden, alle Anwesenden sind höchst irritiert.

Am frühen Morgen fährt Tevi ab, ohne sich zu verabschieden. Für Kim ist nichts mehr, wie es war. Denn er hat etwas erfahren, das sein ganzes Leben in Frage stellt, und entschließt sich in seine Heimat zu reisen.

Wer ist Täter? Wer Opfer? Geschickt lässt die Autorin die Frage nach den Schuldigen offen. Der Leser fiebert mit, möchte wissen, was wirklich geschehen ist. Und wird mit viel Feingefühl in eine Welt befördert, in der die Grenzen zwischen Tätern und Opfern verschwimmen. Die Friedrich-Glauser-Preisträgerin beweist mit „Das Geburtstagsfest", dass Literatur viel zur Aufarbeitung der Vergangenheit beitragen kann. Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer erhält scharfe Konturen. Aber nicht nur das: Der Leser taucht in das Leben von Menschen ein, die Krieg und Gewaltherrschaft überleben und versuchen, nicht daran zu zerbrechen. Ein durch und durch menschlicher Roman.
Das Geburtstagsfest

Susanna Bastaroli, Die Presse

Wie in den Büchern davor, lässt die Autorin ihre mit viel Empathie gezeichneten Figuren jeweils aus ihren Blickwinkeln sprechen, entwirrt in Rückblenden scheinbar die Fäden und spinnt sie neu. Denn auch die eigenen Erinnerungen können täuschen, vor allem wenn sie mit grauenvollen Ereignissen des Pol-Pot-Regimes verknüpft sind. Und die schweigende Aufarbeitung ohne Einbeziehung derjenigen, die man glaubt, schützen zu müssen, macht es noch schwerer. Im Mühlviertel wie in Kambodscha. Taschler ist ihren Figuren nahe wie nie zuvor. Das schmerzt zuweilen, fasziniert aber immer aufs Neue.
Das Geburtstagsfest

Maria Leitner, Buchkultur

Es kommt nicht gar so oft vor, dass man als Leser, nach Erreichen des hinteren Buchdeckels, das Gelesene kapitelweise gleich noch einmal studiert. Fraglos ein Zeichen dafür, dass das Leseerlebnis Spuren hinterlassen hat. Somit darf man die in Innsbruck lebend­e Autorin Judith W. Taschler getrost schon vorab loben: Ihren neuen Roman „Das Geburtstagsfest“ bekommt man so schnell nicht wieder aus dem Kopf. Es ist eine packend­e Story, unmenschlich grausam und doch auf berührende Weise auch schön. Menschen werden in Scharen dahingemetzelt. Den Glauben an die Menschlichkeit vermag all das aber nicht zu zerstören. Definitorisch bemüht könnte man Taschlers neuen Roman eine Familienchronik vor historischem Hintergrund nennen. Das ist kein neues Erzählmuster. Doch das Buch ist weder langatmig noch belehrend, im Gegenteil. Es liest sich dermaßen fesselnd, dass man keine Ruhe hat, bis man durch ist.
Das Geburtstagsfest

Markus Schramek, Tiroler Tageszeitung

Judith W. Taschler wechselt geschickt Zeiten, Orte und Stilmittel (E-Mails, Tagebucheintragungen, Ich-Erzählungen). Ihr Roman gerät dank penibler Recherche auch zur interessanten zeitgeschichtlichen Nachhilfe. Ein rundum lesenswerter Roman, mit üppigem Ende.
Das Geburtstagsfest 

Helmut Atteneder, Oberösterreichische Nachrichten

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