Autorin Judith W. Taschler

SOMMER WIE WINTER (Februar 2011)

Mir kommt vor, als hätte ich seitdem einen Albtraum und ich muss jeden Moment wieder aufwachen. Aber ich wache nicht auf!

Für mich ist das alles so schrecklich, das können Sie sich gar nicht vorstellen! Ich kann nicht verstehen, dass der Herrgott das für mich bereitgehalten hat! Die ganzen Zeitungsfritzen ständig ums Haus herum! Und die Gendarmen, die alles auf den Kopf stellen! Aber sie werden nichts finden! Nichts! Wir sind alles rechtschaffene Leute! Wissen Sie, was das in einem kleinen Dorf bedeutet? Wissen Sie, wie mich die Leute anstarren? Es ist – das Ende ist das, ja, das Ende! Für die Familie, für den Betrieb! Ich halte die Schande nicht aus!

Seite 14

Das erzählt die verzweifelte Monika Winter in der ersten Sitzung ihrem Therapeuten.

Therapiegespräche

Der gesamte Roman besteht aus einzelnen Therapiegesprächen, denn: Einer Familie widerfuhr Schreckliches, woraufhin sie von einem Psychologenteam betreut wird. Mutter Monika Winter (55), ihre vier leiblichen Kinder Anna (24), Martina (21), Manuela (19), Andreas (11) und der angenommene Pflegesohn Alexander Sommer erzählen verschiedenen Therapeuten ihre Version der Geschichte und obendrein noch von skurrilen Kindheitserlebnissen und anderen Dingen.



Der dreijährige Alexander kommt 1973 als Pflegekind zu einer Bauernfamilie in Sölden. Vor kurzem wurde eine Gästepension auf dem Hof angebaut, Sommer wie Winter ist das Haus voll mit Fremden, die Kinder leiden darunter und müssen außerdem fest mitarbeiten. Die herbeigesehnten Nebensaisonen sind immer viel zu kurz.



Mit vierzehn findet Alexander heraus, dass seine leibliche Mutter doch nicht bei einem Autounfall ums Leben kam, wie er bisher glaubte. Geredet wurde nie darüber, das Thema ist – so wie vieles – in der Familie tabu. Er findet einen Zeitungsartikel und erfährt, dass seine Mutter Paulina hieß und dass sie auswanderte, ohne ihn mitzunehmen.

Ich habe den Zeitungsartikel nicht mehr aus meinem Kopf bekommen. Auswendig habe ich ihn können. Vor allem der Satz ‚Bekannte vermuten, dass die labile junge Frau ihren Traum von einer Auswanderung wahrgemacht hat‘ ist in mir abgelaufen wie so eine hängengebliebene Schallplatte. Sie ist ausgewandert, ohne mich mitzunehmen! Das hat gehämmert in mir, nicht einmal oder zweimal in der Woche, nein, jeden Tag habe ich daran gedacht, jede Stunde.

Seite 65

Alexander wird besessen von der Frage nach dem Warum und macht sich auf die Suche nach seiner Mutter. Die Fantasien über sie und ihr Verschwinden lassen ihn nicht los. Und er findet entsetzliche Dinge heraus, die alles für ihn und auch seine Pflegefamilie verändern ...


Der Autorin gelingt es, trotz oder gerade wegen der ungewöhnlichen Erzählweise eine derartige Spannung aufzubauen, dass sich dieses Familienpsychogramm wie ein Krimi liest. „Sommer wie Winter“ fasziniert und fesselt und ich empfehle es nicht nur Österreichurlaubern.
Sommer wie Winter

Akzente-Buchhandlung


Etwas Schreckliches ist passiert. Eine Familie erzählt dem Therapeuten ihre Geschichte (jeder seine Sicht!). Schaurig-gut bis zum Schluss!
Sommer wie Winter

Elle


Und man sieht das Bild einer Familie, deren weggesperrte Emotionen und verquere Moralvorstellungen einen frösteln lassen. Der Titel, der scheinbar banal und belanglos daherkommt, ist genial gewählt. Eine Zusammenfassung der Geschichte in drei Wörtern. Ein Heimatroman der anderen Art steht hinten auf dem Cover. Man braucht vier, fünf Seiten, um in diese andere Art hineinzufinden. Ist man erstmal drin, wird man nur schwer wieder heraus finden.
Noch Tage später hatte mich die Geschichte nicht losgelassen. Gibt es eine bessere Empfehlung für ein Buch?
Sommer wie Winter

Christine Westermann, WDR


Der unnötige Pflegesohn
Jene Kinder der Familie, die dem Therapeuten gegenüber darauf beharren, dass sie ganz „normal“ aufgewachsen seien, haben wohl recht. Kinderarbeit ist in bäuerlichen wie touristischen Zusammenhängen nicht unüblich. Genauso normal ist es in Fremdenverkehrsregionen, die Intimität den Familienanschluss-Bedürfnissen der Gäste zu opfern, was die „natürlichen“ Tendenzen bürgerlicher Familienkonzeption – Abschottung der Konflikte in den eigenen vier Wänden und beschönigende Außenpräsentation – nicht unerheblich erhöht. Seit Norbert Gstreins Debüt „Einer“ (1988) sind diese Zusammenhänge nicht mehr so ungeschönt dargestellt worden.
Sommer wie Winter

Evelyne Polt-Heinl, Die Presse


Judith W. Taschlers „Sommer wie Winter“ ist zwar ein Debütroman, aber dennoch ein stilistisch und erzähltechnisch reifes Buch. Souverän verknüpft die Autorin die narrativen Fäden zu einem komplexen Geschichtennetz, stilsicher schreibt sie die authentisch, ja lebendig erscheinenden Figuren. Die Sicherheit der Autorin verleiht „Sommer wie Winter“ eine gewisse Schwerelosigkeit oder Leichtigkeit, obwohl das Buch von sehr schwierigen Themen handelt: Herkunftstraumata und Schuld, Tabu und Verbot, Alterität und Identität, Anpassung und Ausgrenzung, … Dass Taschlers Roman auch noch mit einer spannenden Krimihandlung aufwarten kann und es sich hier um einen klassischen „page-turner“ handelt, tut der Freude über dieses gelungene Debüt natürlich ebenfalls keinen Abbruch.
Sommer wie Winter

Gerald Lind, Literaturhaus Wien

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