Autorin Judith W. Taschler

APANIES PERLEN (Februar 2014)

Charlie begann zu lachen: „Who the fuck is Waldheim?“, kreischte er mehrmals, bis ihm die Tränen hinunterliefen, und konnte sich gar nicht beruhigen.

Plötzlich stand er auf, verließ die Küche, um mit einem Gewehr in der rechten Hand wiederzukommen. Er zielte auf Oskar, der panisch und mit angstverzerrtem Gesicht vom Stuhl aufsprang, und sagte: „Du kommst mit.“

Seite 59

So ergeht es dem jungen Oskar in der ersten Erzählung mit dem Titel:

Oskar oder Who the Fuck is Waldheim?

Mit achtzehn Jahren findet Oskar bei einem Aufenthalt in den USA seinen Großvater, der nach dem ersten gemeinsamen Abendessen ein Gewehr auf ihn richtet, ihn drei Tage in den Keller sperrt und ihn anschließend mit schrecklichen Wahrheiten konfrontiert.

Bis der Tod uns scheidet

Maria konnte mit hundertachtzig Stundenkilometern auf der Autobahn fahren und außerdem mit der rechten Hand auf die Rückbank greifen, um unserem Sohn den Schnuller wieder in den Mund zu stecken. Es war das reinste Vergnügen ihr zuzusehen, ich saß auf dem Beifahrersitz und genoss jede Minute. Wie sie überholte, eine Linkskurve ausfuhr, sicher und schnell einparkte! Sie machte jedem Auto Ehre.

Seite 77

Aufgund ihrer rasanten Fahrkünste verliebt sich ein Mercedesverkäufer Hals über Kopf in die bildschöne, religiöse Maria. Sein Leidensweg beginnt: Obwohl er eifrig den Ablauf der katholischen Messe auswendig lernt und seine russische Exfrau beseitigt, scheint er Marias Liebe zu verlieren. Das hat tödliche Konsequenzen.

Worst case

Dezember 2015 – der Euro existiert nicht mehr, alle Geschäfte schließen, in der Stadt bricht Chaos aus. Julius beschließt, in sein Elternhaus auf dem Land zurückzukehren und findet dort eine Welt vor, in der er glaubt, verrückt zu werden.

„Es wirkt jetzt alles so nackt, so ungeschminkt. Ich mag das nicht, diese Nacktheit des Lebens. Es wirkt alles so hart und real, findest du nicht? Ich möchte am liebsten alles mit Schminke übertünchen.“

Seite 121 f.

So sinniert Julius gegenüber einer alten Bekannten aus der Kindheit, bevor – am Heiligabend - ein überraschender Besuch an der Tür klopft.

Apanies Perlen

Als man später die zahlreichen Muscheln, die Apanie an ihrem Todestag und am Tag davor aus dem Wasser geholt hatte, öffnete, kam man aus dem Staunen nicht mehr heraus: Sie enthielten genau gleiche große Perlen, hundert an der Zahl.

Seite 140

1867: Aus diesen vollkommenen Perlen wird von einem Juweliermeister in Sydney eine wundervolle Kette gefertigt, die nach einigen Jahrzehnten auch den Weg nach Europa findet und die über ein Jahrhundert lang die Geschicke ihrer Trägerinnen bestimmt.

Apaniens Perlen - Judith W. Taschler - Cover Taschenbuch

Vier Erzählungen, zwei davon Kurzromane, mit verblüffenden Wendungen, starken Charakteren und viel Gefühl.


Judith W. Taschler dreht in ihren vier Erzählungen heftig am Story-Rad, in immer schnelleren Episoden rasen dabei die Geschichte einem durchgeknallten Ende zu. Mit sagenhafter Logik werden grenzgeniale Abenteuer, Familien-Kompositionen oder Alltagsbewältigungen erzählt. Was einer Tageszeitung auf mehrere Kontinente als Schicksal aufgehäuft ist, erleben hier die einzelnen Personen am laufenden Band. In jeder Erzählung stecken die Handlungen eines ganzen Buchregals. Diese über-dichte Dramaturgie erweckt den Eindruck eines Comics, der sich Bild für Bild an die Realität anschmiegt. – Genial.
Apanies Perlen

Helmuth Schönauer


Ein Erzählband der bekannten österreichischen Autorin Judith W. Taschler. Vier Geschichten, die kürzeste dreißig, die längste siebzig Seiten lang. Jede anders, aber jede spannend bis zum Ende, dramatisch, komisch, leidenschaftlich, merkwürdig.
Apanie ist der Name eines Aborigine-Mädchens, das in Neuseeland unter Lebensgefahr nach wertvollen, seltenen Perlen taucht. Hundert von ihnen werden schließlich zu einer wunderschönen Kette geknüpft. Magie und Fluch liegen auf dieser Kette, und wie sich das auf ihre Trägerinnen auswirkt, das wird wunderbar sparsam und üppig zugleich erzählt. Die Geschichten haben mich staunend zurückgelassen und leider auch ein bisschen unglücklich. Wie im richtigen Leben. Man wird sehr geschickt gelockt, angeflirtet, hockt schon auf der Bettkante, um dann doch sacht und sanft heruntergeschubst zu werden. Man bleibt allein mit den Geschichten. Allein auch mit seiner Fantasie, wie es hätte weitergehen können. Dennoch ideal für den kleinen Buchhunger zwischendurch.
Apanies Perlen

Christine Westermann, WDR


Menschen verlieren Hoffnung, die Beherrschung und manchmal auch sich selbst. Wenn Judith W. Taschler Geschichten erzählt, lesen sich Schicksale wie zu Papier gebrachte Wetterkapriolen. APANIES PERLEN: Ein Erzählband wie Frühling, Sommer, Herbst, Winter und alles gleichzeitig.
Apanies Perlen

Isabella Krainer, Provinnsbruck – digitales Stadtgeflüster


Eine lesenswerte Sammlung an Geschichten, die auch völlig getrennt voneinander gelesen werden können. Der gemeinsame Nenner der Texte liegt nicht in der Lebenswelt der Figuren, sondern in deren starken Persönlichkeiten.
Apanies Perlen

Emily Walton, Literaturhaus Wien

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