Autorin Judith W. Taschler

Was bleibt am Ende?

Fragen und Antworten zum neuen Roman "bleiben".

Interview mit Judith Taschler

Wie ist der Roman „bleiben“ in Ihrem Kopf entstanden?

Judith Taschler: Ein Freund von mir hat im März 2014 die Diagnose Krebs bekommen und erfahren, dass er nur noch ein Jahr zu leben hat. Die ganze Sache war tragisch, weil der vermutete Auslöser für die Krankheit ziemlich irritierend war. Im Juni 2015 ist er dann gestorben. Ein paar Monate vor seinem Tod hat er einmal zu mir gesagt: „Ich würde schon noch gern bleiben auf dieser Welt.“ Mir ist das sehr nahe gegangen. Er war relativ jung und hätte noch viel vorgehabt, hat aber weder gejammert noch ist er in Selbstmitleid zerflossen. Seine Angst vor dem Sterben hat er nicht gezeigt, wahrscheinlich, weil er Familie und Freunde schonen wollte. Es hat nur seltene Momente gegeben, in denen man sie heraushören und spüren hat können. Aus dem Satz „Ich würde schon noch gern bleiben“ ist die Idee zum Buch entstanden. Zuerst war nur der Titel „bleiben“ in meinem Kopf, ist herumgegeistert und hat sich schließlich festgehakt. Schön langsam ist die Geschichte gewachsen, zuerst der Protagonist Felix, danach die Protagonistin Juliane, schließlich die beiden anderen, Paul und Max. Die Figuren – ihre Herkunft, ihre Traumata, ihre Schwächen, wie sie ticken ­– waren bei diesem Roman zu neunundneunzig Prozent ausgereift, bevor ich zu schreiben angefangen habe. Mehr als das bei den früheren Romanen der Fall war. Bei der „Deutschlehrerin“ hat sich zum Beispiel die Entwicklung der Hauptprotagonistin Mathilda Kaminski völlig verändert. Das hat sich im Schreibprozess ergeben, weil ich gemerkt habe, die Figur würde so nicht funktionieren.

Haben Sie eine persönliche Betroffenheit hinsichtlich der Themen und Inhalte Ihrer Romane?

JT: Ich schreibe natürlich über Themen, die mich beschäftigen und auch faszinieren, besonders die Abgründe im Menschen mit folgenden Fragen: Wie sehr prägt Herkunft? Kann man sich davon befreien? Wie geht der Einzelne mit falsch getroffenen Entscheidungen um? Warum wird ein Leben so wie es ist? Weiters interessieren mich menschliche Schwächen, der traumatisierte Mensch, Psychogramme von Familien, Mutterschaft, unterschiedliche Beziehungsformen und die Liebe.

Können Sie über Dinge, die Sie erlebt haben, besser erzählen, als wenn Sie diese nicht selbst erfahren hätten?

JT: Ja, das ist bis zu einem gewissen Punkt wirklich so. Ich würde es so formulieren: Es ist leichter über Dinge zu schreiben, die man selbst erlebt, erfahren hat oder die zumindest der eigenen Lebenswelt nahe sind. Im „Roman ohne U“ schreibe ich zum Beispiel über den Protagonisten Thomas, der jahrzehntelang Schreckliches in verschiedenen Gulaglagern in Sibirien durchmacht, und das bedeutete ein Jahr lang Einlesen in die Thematik und intensive Recherchearbeit. Wenn ich aber über Mutterschaft, Beziehung, ein bewegtes Alltagsleben mit vier Kindern schreibe (Roman ohne U), über eine Deutschlehrerin und einen Schriftsteller (Die Deutschlehrerin), über die Kindheit eines angenommenen Kindes im Dorf (Sommer wie Winter) oder über das Sterben eines Menschen, der noch nicht bereit dazu ist (bleiben), dann fällt mir das natürlich wesentlich leichter, weil es meinen eigenen Erfahrungen und meiner Lebenswelt „entspricht“. Was jetzt nicht bedeutet, dass ich den Inhalt meiner Bücher eins zu eins erlebt habe! Ich schreibe nicht autobiografisch, aber nehme sicherlich manchmal eigene Erfahrungen als Anreiz oder Impuls für eine Buchidee. Alles, worüber man als Schriftsteller/in schreibt, kann man nicht selbst erlebt haben. Da wären die Geschichten bald ausgeschrieben. Fantasie und Sich-Hineinversetzen-Können in eine Figur und in ein fremdes Leben gehören ja auch zum Talent einer Schriftstellerin ;-).

Spielt der Zufall in Ihrem Leben eine besondere Rolle?

JT: Nein, in meinem Leben eigentlich nicht. Eher die Fragen: Warum entwickelt sich ein Mensch so und nicht anders? Warum ist ein Leben so wie es ist und nicht anders? Was – oder wer – spielt dabei eine Rolle? Und dass man diese Fragen nie restlos beantworten wird können, weil es eben Mysterien sind, aber doch spannende Mysterien, nicht wahr? Dieses Geheimnisvolle, Unergründbare finde ich faszinierend, allerdings könnte ich selbst keine fertigen Antworten darauf liefern, möchte das auch in meinen Romanen nicht tun. Viele Menschen glauben, dass Zufälle bei der Beantwortung dieser Fragen eine große Rolle spielen, vielleicht ist das auch so. Ein Zufall passiert und gibt dem Leben eine neue Wendung. Es gibt sicherlich Zufälle im Leben, die sozusagen „Schicksal“ spielen. In „bleiben“ geht es um eine zufällige Begegnung von vier jungen Menschen im Nachtzug nach Rom, die dann das ganze Leben der vier beeinflussen wird.

Wie kamen Sie auf diese besondere Erzählperspektive?

JT: Ich lasse gerne die Figuren aus ihrer eigenen Perspektive erzählen, das war auch schon bei den früheren Romanen so, vor allem bei „Sommer wie Winter“, und wollte das auch bei dieser Geschichte so machen. Ich finde das einfach für mich als Schriftstellerin spannender, wenn ich die „Innenwelt“ von mehreren Personen beschreiben und sozusagen „ausleuchten“ kann, es ist facettenreicher, jeder sieht die Dinge ja ganz anders, jeder empfindet anders. So entstehen ganz unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dasselbe Ereignis. Die Geschichte selbst wirkt dann nicht so eindimensional. In „bleiben“ erzählt daher jede Figur einer ihr vertrauten Person, also in der Ichform, aus ihrem Leben und vor allem von den dramatischen Ereignissen der letzten zwei Jahre.

Wie würden Sie selber Ihren Schreib- und Gestaltungsstil charakterisieren?

JT: Ich brauche immer ein grobes inhaltliches Konzept, bevor ich zu schreiben beginne. Feinheiten ergeben sich im Schreibprozess, manchmal entwickeln sich Details ein bisschen anders als ursprünglich geplant. Auch die Figuren müssen vorher entwickelt sein. Außerdem mag ich es, wenn ein bestimmtes Thema im Hintergrund „mitschwingt“, wie zum Beispiel bei der „Deutschlehrerin“ das Thema der verpassten Chancen und falschen Entscheidungen, die man gerne wieder rückgängig machen würde. Oder in „bleiben“ unter anderem die Frage „Wann ist ein Leben sinnvoll?“

Haben Sie Vorbilder beim Schreiben?

JT: Das traue ich mir gar nicht zu sagen, aber mein absolutes Vorbild ist der tschechische Schriftsteller Milan Kundera. Ich liebe seine Themen und seine Sprache sowieso.

Wie gehen Sie mit Kritik um und was bedeutet Erfolg für Sie?

JT: Man muss lernen sich abzugrenzen. Wenn man schreibt, setzt man sich dadurch der Öffentlichkeit aus. Bei den ersten Büchern war das natürlich schwieriger, mittlerweile geht das schon gut. Ob und wie jemandem ein Roman gefällt, ist ja immer subjektiv. Erfolg ist mir wichtig, das gebe ich zu.

Wie werden Sie die besondere Erzählhaltung in „bleiben“ bei Ihren Lesungen umsetzen?

JT: Ja, das wird schwieriger als bei den anderen Romanen! Da bräuchte ich eigentlich vier Schauspieler. Aber es wird schon gehen.

Judith Taschler - Autorin - bleiben - DROEMER Verlag